Die Konsolidierung im deutschen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) geht in die entscheidende Phase. Nach dem beschlossenen Rückzug der Genossenschaft Migros Zürich aus dem deutschen Markt wird das Erbe der Traditionsmarke Tegut neu verteilt. Doch wer dachte, nach den jüngsten Entscheidungen des Bundeskartellamtes herrsche Klarheit, sieht sich getäuscht. Der Kölner Rewe-Konzern hat nur wenige Tage nach der ersten Teilfreigabe einen weiteren Antrag beim Bundeskartellamt eingereicht, um zusätzliche Tegut-Filialen zu übernehmen. Es ist ein bemerkenswerter taktischer Zug in einem hochgradig defensiven Verdrängungswettbewerb.
### Der Rückzug der Migros: Ein Epochenwechsel im DACH-Handel
Der Verkauf von Tegut markiert das Ende eines ambitionierten, aber letztlich unrentablen Expansionsabenteuers der Schweizer Migros. Das 1947 in Fulda gegründete Unternehmen Tegut galt mit seinem Fokus auf Bio-Produkte und regionale Sortimente lange Zeit als Pionier des anspruchsvollen Supermarktes. Doch im harten deutschen Preiswettbewerb, dominiert von den „Big Four“ (Edeka, Rewe, Schwarz-Gruppe, Aldi), geriet das Geschäftsmodell zunehmend unter Druck.
Für Migros Zürich blieb im Frühjahr nur noch der geordnete Rückzug. Das Filetieren eines Filialnetzes von rund 300 Märkten mit knapp 7.500 Beschäftigten begann. Dass sich die großen Akteure nun um die Überreste reißen, überrascht Branchenbeobachter kaum: Neue Standorte im dicht besiedelten West- und Süddeutschland sind aufgrund restriktiver Baunutzungsverordnungen und des Mangels an geeigneten Flächen Mangelware. Organisches Wachstum ist kaum noch möglich – Expansion funktioniert fast nur noch über M&A.
### Edeka prescht vor – und stößt an kartellrechtliche Grenzen
Das größte Stück aus dem Tegut-Kuchen hat sich wenig überraschend der Branchenprimus Edeka gesichert. Mit der geplanten Übernahme von ursprünglich 202 Märkten, dem Logistikzentrum in Hünfeld-Michelsrombach sowie der Bio-Bäckerei Herzberger wollte Edeka seine marktbeherrschende Stellung im Südwesten zementieren.
Doch die Bonner Wettbewerbshüter spielten nicht uneingeschränkt mit. Das Bundeskartellamt erteilte zwar für 178 Märkte die Freigabe, verhängte jedoch für 24 Filialen ein striktes vierjähriges Übernahmeverbot. In diesen Regionen drohte durch den Edeka-Zuwachs ein marktbeherrschendes Duopol oder gar ein regionales Monopol. Zudem ist der Edeka-Deal juristisch noch nicht in trockenen Tüchern: Der Münchner Bio-Filialist Vollcorner hat beim Oberlandesgericht Düsseldorf Beschwerde gegen die Übernahme bestimmter Münchner Standorte eingelegt – ein deutliches Zeichen dafür, wie nervös die verbliebenen mittelständischen Akteure auf die weitere Ballung von Marktmacht reagieren.
### Rewes opportunistische Expansion
Während Edeka sich mit kartellrechtlichen Auflagen und Klagen auseinandersetzen muss, nutzt Rewe die Gunst der Stunde. Erst am 14. Oktober gab das Kartellamt grün weiss für die Übernahme von 38 Tegut-Märkten durch die Kölner (zwei der ursprünglich 40 geplanten Standorte wurden auch hier blockiert). Nur sechs Tage später, am 20. Oktober, reichte Rewe bereits den nächsten Antrag beim Kartellamt ein.
Über die genaue Anzahl und die geografische Lage der nun neu begehrten Filialen schweigt sich der Konzern noch aus. Naheliegend ist jedoch die Vermutung, dass Rewe ein Auge auf jene Standorte geworfen hat, die Edeka aufgrund der kartellrechtlichen Auflagen verwehrt blieben. Da einer dieser 24 blockierten Märkte mittlerweile dauerhaft geschlossen ist, verbleiben 23 attraktive Standorte, die das Portfolio von Rewe und dessen Discount-Tochter Penny strategisch hervorragend ergänzen würden – insbesondere in Hessen, Bayern und Thüringen.
### Die Folgen für den Markt und die Verbraucher
Für die betroffenen Mitarbeiter ist die rege Nachfrage der Großkonzerne zunächst eine gute Nachricht. Rewe-Vorstand Peter Maly betonte bereits, dass allen Mitarbeitern der übernommenen Märkte ein Jobangebot unterbreitet wird. Auch für die Nahversorgung im ländlichen Raum ist der Einstieg der solventen Riesen eine Absicherung. Die Marken Tegut und das autonome Konzept „Teo“ werden jedoch schrittweise aus dem Straßenbild verschwinden und durch die standardisierten Formate von Edeka, Rewe und Penny ersetzt.
Aus ökonomischer Sicht treibt dieser Deal die Konsolidierung des deutschen Lebensmittelhandels auf die Spitze. Die Vielfalt im ohnehin stark konzentrierten deutschen Markt nimmt weiter ab. Für die verbleibenden regionalen Erzeuger und Bio-Lieferanten, die bisher bei Tegut eine wichtige Plattform fanden, verringert sich die Zahl potenzieller Abnehmer. Sie müssen sich künftig den harten Listungs- und Preisbedingungen der Marktführer beugen. Der Poker um die Tegut-Reste zeigt einmal mehr: Im deutschen Einzelhandel überleben am Ende nur die ganz Großen.
