Es ist ein scheinbares Paradoxon, das sich derzeit in vielen Rathäusern der DACH-Region beobachten lässt: Die Kassen sind im Moment noch flüssig, die Steuereinnahmen stabil, und doch schlagen Kämmerer und Bürgermeister quer durch die Republik Alarm. Die bayerische Stadt Lohr am Main liefert hierfür derzeit ein mustergültiges Fallbeispiel.
Mit einem Gesamthaushalt von rund 59 Millionen Euro steht die Stadt im Landkreis Main-Spessart auf den ersten Blick solide da. Kämmerer Stephan Morgenroth konnte dem Stadtrat jüngst eine beruhigende Zwischenbilanz präsentieren: Zum 1. August waren die Einnahmen zu 56 Prozent und die Ausgaben zu knapp 55 Prozent im Soll. Die Stadt ist liquide, teure Kassenkredite – das kommunale Äquivalent zum Dispokredit – sind kein Thema. Doch hinter der glänzenden Fassade von Schuldenabbau und gefüllten Rücklagen braut sich ein strukturelles Gewitter zusammen, das für den gesamten deutschen Mittelstand und die lokale Wirtschaft von fundamentaler Bedeutung ist.
### Die trügerische Stabilität der Einnahmen
Ein genauerer Blick auf die Einnahmenseite von Lohr zeigt die typische DNA einer gesunden, mittelständisch geprägten Kommune in Süddeutschland. Die Einkommensteuer ist mit rund 13 Millionen Euro die verlässlichste Säule, dicht gefolgt von der Gewerbesteuer, die mit knapp zehn Millionen Euro veranschlagt wird. Hinzu kommen jeweils rund 3,6 Millionen Euro aus der Grundsteuer und der Umsatzsteuer.
Noch profitiert die Stadt von den Hausaufgaben der Vergangenheit. Die Rücklagen stiegen in den ersten sieben Monaten des Jahres um 59.000 Euro auf beachtliche 8,8 Millionen Euro. Gleichzeitig sank der Schuldenstand (ohne Stadtwerke und Schulzentrum) auf 6,7 Millionen Euro. Das ist ein beachtlicher Erfolg in Zeiten, in denen viele Kommunen im Ruhrgebiet oder in Teilen Ostdeutschlands unter drückenden Altschulden ächzen.
Doch diese Momentaufnahme verstellt den Blick auf die langfristige Dynamik. Die Ertragsperlen der Kommunen geraten ins Wanken. Kämmerer Morgenroth warnt bereits jetzt davor, dass man bei der Gewerbesteuer künftig von niedrigeren Ansätzen ausgehen muss. Die konjunkturelle Eintrebung in Deutschland, die vor allem das verarbeitende Gewerbe und die Zuliefererindustrie trifft, schlägt zeitverzögert, aber mit voller Wucht auf die lokalen Haushalte durch.
### Die Ausgaben-Explosion: Wenn Pflichtaufgaben den Spielraum erdrücken
Das eigentliche Problem der kommunalen Haushalte liegt jedoch nicht primär auf der Einnahmenseite, sondern im unaufhaltsamen Anstieg der fixen und übertragenen Ausgaben. In Lohr stehen den Einnahmen Personalkosten von 9,4 Millionen Euro sowie Verwaltungs- und Betriebskosten von 8,4 Millionen Euro gegenüber. Ein weiterer Riese im Budget ist die Kreisumlage: Satte 8,2 Millionen Euro muss die Stadt an den Landkreis abführen – Geld, das vor Ort für eigene Gestaltungsprojekte fehlt.
Besonders brisant: Ab 2027 droht sich diese Zange noch weiter zuzuziehen. Auf der einen Seite stehen unaufschiebbare Großprojekte wie die Erweiterung des Kindergartens Seeweg und der Neubau des Feuerwehrhauses Rodenbach. Auf der anderen Seite wachsen die gesetzlich vorgegebenen Sozialausgaben und Personalkosten in einem Tempo, mit dem die Steuereinnahmen schlicht nicht mehr Schritt halten können.
Dieses Phänomen beschränkt sich nicht auf Lohr. Es ist das Kernproblem des deutschen Föderalismus: Bund und Länder beschließen Standards und Rechtsansprüche – etwa im Bereich der Kinderbetreuung oder der Ganztagsschule –, die Zeche dafür müssen jedoch die Städte und Gemeinden zahlen, oft ohne ausreichenden finanziellen Ausgleich (Konnexitätsprinzip: „Wer bestellt, bezahlt“).
### Konsequenzen für den Wirtschaftsstandort
Für Investoren und ansässige Unternehmen ist diese Entwicklung ein alarmierendes Signal. Wenn Kommunen unter Druck geraten, bleiben ihnen im Wesentlichen drei Hebel, die alle negative Begleiteffekte haben:
1. Investitionsstau: Freiwillige Leistungen und Infrastrukturprojekte werden verschoben. Straßen, Schulen und digitale Netze verfallen, was die Attraktivität des Standorts schmälert. 2. Abgabenerhöhung: Um die Löcher zu stopfen, drehen viele Städte an den Hebesätzen für die Gewerbe- und Grundsteuer. Für Unternehmen bedeutet dies eine direkte Verschlechterung der Standortbedingungen. 3. Schuldenwirtschaft: Sobald die Rücklagen aufgezehrt sind, droht der Rutsch in die Kassenkredite, was den finanziellen Handlungsspielraum für Generationen blockiert.
Lohr steht, wie Kämmerer Morgenroth es treffend formuliert, „immer noch einigermaßen gut da“. Doch das Fazit „angespannt, aber nicht hoffnungslos“ ist kein Freifahrtschein. Es ist ein dringender Weckruf an die Landes- und Bundespolitik, die finanzielle Ausstattung der untersten staatlichen Ebene endlich krisenfest zu gestalten. Denn die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands entscheidet sich nicht in Berlin oder den Landeshauptstädten, sondern ganz konkret in den Gewerbegebieten und Rathäusern vor Ort.
