Mittwoch, 28. Oktober 2026

Mittelstand

Gegen den Ansiedlungswahn: Warum Gemeinden auf lokale KMU statt auf Großkonzerne setzen sollten

Viele Kommunen erliegen dem Reiz, um jeden Preis globale Großkonzerne anzulocken, um ihre Kassen aufzubessern. Das Fallbeispiel Schwabmünchen zeigt jedoch, warum eine Fokussierung auf den lokalen Mittelstand und eine lebendige Innenstadt langfristig die stabilere Strategie ist.

DS

Von Dr. Stefan Hirsch

Als ehemaliger Investmentbanker analysiert Dr. Stefan Hirsch die globalen Finanzmärkte mit scharfem Blick fürs Detail. Seine fundierten Analysen helfen Lesern, komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge schnell zu verstehen. · · 3 Min.

Gegen den Ansiedlungswahn: Warum Gemeinden auf lokale KMU statt auf Großkonzerne setzen sollten
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Die wirtschaftliche Schwächephase in Deutschland hinterlässt tiefe Spuren in den Haushalten der Städte und Gemeinden. Angesichts sinkender Steuereinnahmen und steigender Sozialausgaben verfallen viele Kommunalpolitiker in einen gefährlichen Aktionismus: Sie buhlen um die Ansiedlung von Logistikriesen, Rechenzentren oder globalen Großkonzernen. Die Hoffnung auf die schnelle Millionen-Gewerbesteuer vernebelt dabei oft den Blick auf die Realität. Denn viele dieser Großprojekte erweisen sich im Nachhinein als ökologische und ökonomische Lasten.

Wie eine nachhaltige Alternative aussieht, lässt sich derzeit im schwäbischen Schwabmünchen beobachten. Dort zeigt sich beispielhaft, warum die Zukunft der kommunalen Wirtschaftsentwicklung nicht im Buhlen um globale Konzerne liegt, sondern in der gezielten Stärkung des bereits ansässigen Mittelstands.

### Der Trugschluss der Mega-Ansiedlungen

Für ländliche Regionen und Kleinstädte klingt es verlockend: Ein globaler Konzern baut ein neues Werk oder ein Logistikzentrum auf der grünen Wiese. Arbeitsplätze entstehen, die regionale Bekanntheit steigt. Doch die volkswirtschaftliche Bilanz ist oft ernüchternd. Diese Unternehmen beanspruchen enorme Flächen, belasten die lokale Infrastruktur durch hohes Verkehrsaufkommen und nutzen steuerliche Gestaltungsspielräume im Rahmen internationaler Holdingstrukturen derart aus, dass vor Ort kaum Gewerbesteuer hängenbleibt.

Der CSU-Politiker und Unternehmer Christof Lehle bringt dieses Dilemma im baden-württembergischen und bayerischen Grenzraum auf den Punkt: Seine Heimatstadt Schwabmünchen brauche keine Großunternehmen, die zwar wertvolle Flächen verbrauchen, am Ende des Tages aber keine Steuern vor Ort zahlen. Diese Haltung ist keine Absage an das Wachstum, sondern ökonomischer Pragmatismus. Die wahre Substanz einer Region liegt in den kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU), die fest in der Region verwurzelt sind, hier investieren und ihre Steuern ohne Wenn und Aber vor Ort entrichten.

### Der Schreinermeister als Wirtschaftsreferent

Lehle, der als gelernter Schreiner und Innenarchitekt das familieneigene Handwerksunternehmen in dritter Generation führt, besetzt in Schwabmünchen ein neu geschaffenes Amt: Er ist Wirtschaftsreferent der Stadt. Diese Personalie steht symbolisch für ein strukturelles Umdenken. Wenn Unternehmer selbst in die Kommunalpolitik gehen, verändert sich der Fokus von rein bürokratischer Verwaltung hin zu praxisnaher Ermöglichung.

Ein Unternehmer versteht, dass die Ansiedlung neuer Betriebe nur ein Teil der Gleichung ist. Viel wichtiger ist die Bestandspflege. Wie hält man die bereits existierenden Betriebe am Standort? Wie sichert man Gewerbeflächen für das organische Wachstum lokaler Handwerker und Dienstleister, ohne das Umland zu zersiedeln? Und vor allem: Wie löst man das drängende Problem der Unternehmensnachfolge? Letzteres ist eine der größten Bedrohungen für den deutschen Mittelstand. Scheitert die Übergabe eines gesunden Betriebs an die nächste Generation, verliert eine Gemeinde oft nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch lokales Know-how und Steuerkraft.

### Die Innenstadt als weicher Standortfaktor

Ein zentraler Hebel dieser resilienten Wirtschaftspolitik ist das sogenannte Leerstandsmanagement im Stadtkern. In Zeiten des boomenden Onlinehandels sterben die Innenstädte im DACH-Raum leise, aber stetig. Für die Wirtschaftsentwicklung ist das fatal, denn eine verödete Innenstadt schwächt die Attraktivität der gesamten Gemeinde.

Hier greift die Erkenntnis, dass weiche Standortfaktoren im Kampf um qualifizierte Fachkräfte immer wichtiger werden. Gut ausgebildete Mitarbeiter ziehen dorthin, wo es eine lebendige Kultur, funktionierenden Einzelhandel und hohe Lebensqualität gibt. Kommunale Wirtschaftsförderung darf sich daher nicht auf das Ausweisen von Gewerbegebieten an der Autobahn beschränken. Sie muss im Stadtzentrum stattfinden – durch Events, gezielte Ansiedlung von Nischen-Einzelhändlern und die Schaffung von Aufenthaltsqualität.

### Fazit: Lokale Resilienz statt globaler Abhängigkeit

Der Fall Schwabmünchen liefert ein wichtiges Lehrstück für die gesamte DACH-Region. Die Zeit, in der Gemeinden durch ruinöse Steuersenkungswettbewerbe um multinationale Konzerne buhlen sollten, ist vorbei. Die stabilste Säule in Krisenzeiten bleibt das lokale Ökosystem aus Handwerk, Mittelstand und lebendigem Einzelhandel.

Eine erfolgreiche kommunale Wirtschaftspolitik der Zukunft agiert als strategischer Vermittler zwischen Rathaus und lokaler Wirtschaft. Sie schafft realistische Visionen, vermeidet utopische Luftschlösser und setzt auf die Karte der lokalen Verbundenheit. Denn am Ende gilt: Ein treuer lokaler Steuerzahler aus dem Handwerk ist für die Gemeindekasse wertvoller als der glänzende Name eines Weltkonzerns auf einem leeren Gewerbesteuerbescheid.

Eigenständig verfasst von der Marktblick-Redaktion. Recherchegrundlage: Augsburger Allgemeine. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.