Es war das unumstößliche Dogma der britischen Austrittsbewegung: die Beendigung der EU-Personenfreizügigkeit. Um die Kontrolle über die eigenen Grenzen zurückzuerlangen, nahm London bereitwillig den harten Bruch mit dem europäischen Binnenmarkt in Kauf. Doch zehn Jahre nach dem historischen Brexit-Referendum holt die ökonomische Realität das Vereinigte Königreich mit voller Wucht ein.
Die überraschenden Signale des britischen Premierministers Andy Burnham, sich offen für eine Rückkehr zur EU-Freizügigkeit zu zeigen, markieren eine potenzielle Zäsur. Für die Wirtschaft im DACH-Raum, die den Glauben an den britischen Markt fast schon verloren hatte, ist dies die wichtigste Nachricht aus London seit Jahren. Doch ist der Vorstoß mehr als nur politische Schadensbegrenzung?
### Das Scherbenmeer des harten Bruchs
Ein Blick auf die nackten Zahlen verdeutlicht, warum die britische Regierung die Reißleine ziehen muss. Zwischen 2015 und 2025 ist das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Großbritannien um sieben Prozent auf 118,4 Milliarden Euro geschrumpft – und das trotz der in diesem Zeitraum massiv gestiegenen Preise. Real ist der Einbruch noch weitaus dramatischer.
Besonders schwer wiegt jedoch der Vertrauensverlust bei den Unternehmen. Eine aktuelle Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und der britischen Handelskammer in Deutschland (BCCG) offenbart ein verheerendes Lagebild: Satte 61 Prozent der befragten Firmen planen im laufenden Jahr keinerlei Investitionen im Vereinigten Königreich. Das einstige wirtschaftliche Powerhaus Europas hat sich für kontinentaleuropäische Kapitalgeber zu einer unberechenbaren Randnotiz entwickelt. Als Hauptgrund für die Investitionsabstinenz nennen 35 Prozent der Unternehmen die anhaltende politische und regulatorische Unsicherheit.
### Das Migrations-Paradoxon treibt den Pragmatismus
Premierminister Burnham begründet seine Offenheit für eine Debatte über die Personenfreizügigkeit mit einer bemerkenswerten Beobachtung: Das Migrationsgeschehen habe sich seit dem Brexit grundlegend verändert. Statt einer temporären, zirkulären Migration – bei der Arbeitskräfte aus der EU für einige Jahre kamen und wieder gingen – zieht es nun vermehrt Menschen dauerhaft ins Land, oft aus Drittstaaten außerhalb Europas.
Dieses Migrations-Paradoxon stellt die britische Gesellschaft vor völlig neue Integrations- und Infrastrukturherausforderungen, während gleichzeitig der akute Fachkräftemangel in Schlüsselindustrien nicht behoben werden konnte. Dass Burnham die Wiedereinführung der EU-Freizügigkeit nun explizit nicht mehr als „rote Linie“ für künftige Verhandlungen bezeichnet, ist ein Eingeständnis des Scheiterns der bisherigen Post-Brexit-Migrationspolitik. Es ist der Versuch, ideologischen Ballast abzuwerfen, um die wirtschaftliche Agonie des Landes zu beenden.
### Was die DACH-Wirtschaft jetzt fordert
Für deutsche, österreichische und Schweizer Unternehmen geht es bei dieser Debatte um weit mehr als um Kosmetik. Der bürokratische Aufwand an den Grenzen hat sich zu einem permanenten Renditefresser entwickelt. Laut der KPMG/BCCG-Umfrage wünschen sich 53 Prozent der Unternehmen vor allem mehr Mobilität für Geschäftsreisende und Beschäftigte. Der Austausch von Spezialisten, der unkomplizierte Serviceeinsatz vor Ort oder die Entsendung von Managern ist seit dem Ende der Freizügigkeit zu einem administrativen Albtraum geworden.
Zudem fordern 49 Prozent der Firmen effizientere Zoll- und Grenzverfahren. Der DACH-Mittelstand, der stark auf Just-in-time-Lieferketten angewiesen ist, leidet massiv unter den Verzögerungen an den Fährhäfen. Jede Erleichterung in diesem Bereich würde die Wettbewerbsfähigkeit kontinentaler Produkte auf der Insel schlagartig verbessern.
### November-Gipfel als Gradmesser für Investoren
Aus Sicht von Investoren und Portfoliomanagern ist die angekündigte Debatte ein positives Signal, das jedoch mit einer gehörigen Portion Skepsis aufgenommen werden sollte. Worte sind billig, entscheidend ist die Umsetzung. Der Lackmustest für Burnhams neuen Pragmatismus steht bereits vor der Tür: Am 20. November ist in Brüssel das nächste Gipfeltreffen zwischen der britischen Regierung und der EU-Kommission geplant.
Sollte London dort tatsächlich konkrete Zugeständnisse bei der Personenfreizügigkeit im Tausch gegen einen tieferen Marktzugang anbieten, könnte dies die Geburtsstunde eines „Brexit Light“ sein. Für die DACH-Wirtschaft würde dies bedeuten, dass das Vereinigte Königreich als Investitionsstandort wieder auf die Landkarte rückt. Bis dahin bleibt das Land für risikoaverse Anleger jedoch das, was es in den letzten Jahren war: ein Markt des Abwartens.
