Sonntag, 13. September 2026

Wirtschaftspolitik

Die Ökonomie des Frusts: Was taugen die Wirtschaftsversprechen der AfD?

Die anhaltende Wirtschaftskrise und der immense Bürokratiedruck treiben immer mehr deutsche Mittelständler zur Verzweiflung. Die AfD versucht nun, dieses politische Vakuum zu füllen – doch die wirtschaftspolitischen Konzepte bergen erhebliche Risiken für den Exportstandort.

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Von Dr. Robert Franke

Dr. Robert Franke beobachtet und kommentiert die europäische Geldpolitik sowie die Entwicklungen an den internationalen Aktienmärkten. Zuvor war er als Chefökonom für eine führende deutsche Privatbank tätig. · · 4 Min.

Die Ökonomie des Frusts: Was taugen die Wirtschaftsversprechen der AfD?
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Die Stimmung im deutschen Mittelstand hat einen neuen Tiefpunkt erreicht. Zwischen stagnierendem Wachstum, einer anhaltenden Deindustrialisierungswelle und einer schier erdrückenden Bürokratielast greift unter den Unternehmern des Landes Resignation um sich. Weder die einstige Ampel-Koalition noch die Oppositionsarbeit der Union unter Friedrich Merz konnten das Vertrauen der Realwirtschaft nachhaltig zurückgewinnen. In dieses spürbare Vakuum stößt nun mit Nachdruck eine Partei, die vom wirtschaftlichen Establishment bislang weitgehend gemieden wurde: die AfD.

Auf ihrem jüngsten „Unternehmertag“ in Berlin versuchte die Partei, sich als die neue, wahre Stimme der deutschen Wirtschaft zu präsentieren. Vor rund 250 Gästen im Paul-Löbe-Haus – darunter auch Vertreter des ausländischen diplomatischen Corps – warben die Parteivorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla um den industriellen und handwerklichen Mittelbau des Landes. Doch wie tragfähig sind die Konzepte der Partei, und welche Signale sendet diese Annäherung an die Finanz- und Investorenwelt?

Der Mittelstand im Schraubstock der Bürokratie

Um die Dynamik zu verstehen, muss man den Blick auf die Struktur der deutschen Wirtschaft richten. Während Großkonzerne über eigene Lobbyabteilungen in Brüssel und Berlin verfügen, um regulatorische Belastungen abzufedern oder Subventionen auszuhandeln, steht der Mittelstand oft schutzlos da. Über 54 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland arbeiten in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). In der Zuliefererindustrie liegt dieser Anteil sogar bei rund 80 Prozent.

Gerade diese Betriebe leiden überproportional unter den Berichtspflichten des Lieferkettengesetzes, der CO2-Bepreisung und den Dokumentationspflichten im Steuer- und Arbeitsrecht. Der Frust, der sich hier anstaut, ist real und speist sich aus dem Gefühl, von der etablierten Politik nicht mehr gehört, sondern lediglich als Steuereintreiber und Regulierungsobjekt wahrgenommen zu werden. Dass mittelständische Unternehmer – wie auf dem AfD-Wirtschaftsgipfel thematisiert – trotz drohender Reputationsrisiken die Nähe zu rechtskonservativen bis rechtsextremen Kräften suchen, ist ein unübersehbares Alarmsignal für das wirtschaftspolitische Establishment.

Kernkraft und Steuersenkungen: Populismus oder Befreiungsschlag?

Die wirtschaftspolitischen Kernforderungen der AfD, vorgetragen unter anderem vom wirtschaftspolitischen Sprecher Leif-Erik Holm, klingen für viele geplagte Unternehmer verlockend einfach:

* Die sofortige Abschaffung der CO2-Abgabe, * eine dauerhafte Senkung der Mehrwert- und Energiesteuern, * sowie die Reaktivierung der abgeschalteten Kernkraftwerke.

Aus ökonomischer Sicht bedarf diese Agenda jedoch einer differenzierten Einordnung. Eine Entlastung bei den Energiekosten würde der energieintensiven Industrie zweifellos kurzfristig Luft verschaffen. Die deutsche Chemie-, Stahl- und Metallbranche leidet im internationalen Vergleich massiv unter den hiesigen Strompreisen.

Allerdings greift das Versprechen einer schnellen Rückkehr zur Kernenergie zu kurz. Die Rückbauarbeiten an vielen Standorten sind bereits fortgeschritten; rechtliche, sicherheitstechnische und personelle Hürden machen eine rasche Netzreaktivierung extrem unwahrscheinlich und astronomisch teuer. Zudem würde ein isolationistischer Kurs in der Klimapolitik den deutschen Exportsektor in direkte Konflikte mit den CO2-Grenzausgleichssystemen (CBAM) der Europäischen Union bringen. Deutsche Produkte könnten auf dem europäischen Binnenmarkt, dem wichtigsten Abnehmer für heimische Güter, an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Das Dilemma für Investoren und die DACH-Region

Für die überregionale Wirtschaft und internationale Investoren im DACH-Raum birgt der potenzielle Aufstieg einer AfD-geführten Wirtschaftspolitik erhebliche Risiken. Die deutsche Wirtschaft ist wie kaum eine andere mit globalen Lieferketten und ausländischem Kapital verwoben.

1. Fachkräftemangel: Das drängendste Problem des Mittelstands ist der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Eine Partei, die für eine restriktive Migrationspolitik und eine skeptische Haltung gegenüber internationaler Kooperation steht, droht den Standort für ausländische Talente weiter zu deattraktivieren. 2. Investitionshemmnisse: Internationales Kapital reagiert hochsensibel auf politische Instabilität und geoökonomische Abgrenzungstendenzen. Ein Erstarken isolationistischer Kräfte könnte ausländische Direktinvestitionen in Deutschland massiv ausbremsen. 3. Währungs- und Europapolitik: Die in Teilen der AfD sympathisierte Idee eines Austritts Deutschlands aus der Eurozone (oder gar der EU) stellt für die exportorientierte Wirtschaft das absolute Horrorszenario dar. Die Wiedereinführung einer nationalen Währung würde zu einer massiven Aufwertung führen und den deutschen Export kollabieren lassen.

Fazit: Ein Weckruf für die bürgerliche Mitte

Dass die AfD auf ihrem Wirtschaftstag namhafte Akteure und diplomatische Vertreter versammeln konnte, zeigt, dass die Brandmauern im wirtschaftlichen Bereich Risse bekommen. Dies ist weniger einem kohärenten und durchgerechneten Wirtschaftsprogramm der Partei geschuldet, sondern vielmehr dem eklatanten Versagen der etablierten Politik, dem Mittelstand verlässliche Rahmenbedingungen zu bieten.

Für die Union und die verbliebenen marktwirtschaftlichen Kräfte in der Bundespolitik muss dieser Zustand ein Weckruf sein. Wer verhindern will, dass sich die Leistungsträger des Landes aus Frust politisch radikalisieren, darf sich nicht in symbolischen Debatten verlieren. Es braucht eine echte, spürbare Entlastung von Bürokratie, eine verlässliche und bezahlbare Energiepolitik und ein klares Bekenntnis zum Leistungsprinzip. Nur so lässt sich das Vertrauen derer zurückgewinnen, die das Fundament des Wohlstands in Deutschland und der gesamten DACH-Region sichern.

Eigenständig verfasst von der Marktblick-Redaktion. Recherchegrundlage: Junge Freiheit (Jf). Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.