Sonntag, 13. September 2026

Energiepreise

Die fiskalische Energie-Bremse: Warum Deutschlands Sonderweg den DACH-Raum schwächt

Anhaltend hohe Energie- und Kraftstoffpreise belasten die deutsche Wirtschaft im Kern und gefährden die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten DACH-Region. Während globale Krisen den Rohölpreis treiben, ist es vor allem die heimische Abgabenlast, die den Wirtschaftsstandort im europäischen Vergleich ins Hintertreffen geraten lässt.

DS

Von Dr. Stefan Hirsch

Als ehemaliger Investmentbanker analysiert Dr. Stefan Hirsch die globalen Finanzmärkte mit scharfem Blick fürs Detail. Seine fundierten Analysen helfen Lesern, komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge schnell zu verstehen. · · 3 Min.

Die fiskalische Energie-Bremse: Warum Deutschlands Sonderweg den DACH-Raum schwächt
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Es gibt Zahlen, die als psychologische Barrieren wirken. Wenn an deutschen Zapfsäulen für den Liter Diesel Spitzenpreise von bis zu 2,79 Euro aufgerufen werden, ist das weit mehr als nur ein Ärgernis für Autofahrer. Für die deutsche Volkswirtschaft ist es ein Alarmsignal erster Güte. Umgerechnet in die alte D-Mark-Welt bewegen wir uns längst im Bereich von über fünf Mark pro Liter – ein Szenario, das vor zehn Jahren noch als unrealistische Dystopie abgetan worden wäre.

Doch die aktuelle Energiekrise ist kein temporäres Phänomen, das sich mit dem Verweis auf geopolitische Spannungen im Nahen Osten oder verstopfte Handelsrouten erklären lässt. Sie legt die strukturellen Schwächen der deutschen Standortpolitik offen. Während die Politik globale Krisen als unvermeidbares Schicksal darstellt, wird der entscheidende Hebel im eigenen Land übersehen: die staatlich induzierte Preisspirale bei Strom, Gas und Kraftstoffen.

### Der Staat als größter Preistreiber

Natürlich reagieren die Energiemärkte hochsensibel auf globale Konflikte. Wenn Terrorgruppen maritime Handelswege blockieren, steigt der Rohölpreis weltweit. Doch warum ist Energie in Deutschland signifikant teurer als in fast allen anderen europäischen Ländern? Die Antwort liegt in der Systematik der staatlichen Abgaben.

Mehrwertsteuer, Energiesteuer, CO2-Abgabe und die historisch gewachsenen Netzentgelte summieren sich zu einer fiskalischen Last, die den eigentlichen Marktpreis des Energieträgers oft verdoppelt. Der Staat verdient an jedem Preisschock an der Zapfsäule und am Gaszähler kräftig mit. Was in Zeiten sprudelnder Steuereinnahmen als Lenkungswirkung für die ökologische Transformation deklariert wurde, entpuppt sich in der Realität der Stagflation als schwere Hypothek für die Wettbewerbsfähigkeit.

### Die volkswirtschaftliche Kettenreaktion

Aus ökonomischer Sicht wirken die extremen Energiepreise wie eine Sondersteuer auf Konsum und Investitionen. Wenn private Haushalte einen immer größeren Teil ihres verfügbaren Einkommens für Mobilität, Heizung und Strom aufwenden müssen, kollabiert der private Konsum – traditionell eine der wichtigsten Säulen der deutschen Wirtschaftsentwicklung.

Noch dramatischer stellt sich die Situation für den industriellen Mittelstand dar. Im Gegensatz zu Großkonzernen, die ihre Produktion flexibel ins Ausland verlagern können, ist der klassische Mittelstand im DACH-Raum standorttreu, aber extrem anfällig für Energiekosten. Wenn die Produktion in Deutschland aufgrund der Energiekosten unrentabel wird, droht eine schleichende Deindustrialisierung. Die dringend benötigten Investitionen in Digitalisierung und Dekarbonisierung bleiben aus, weil schlicht die Liquidität fehlt. Das gefährdet langfristig Arbeitsplätze und den Wohlstand, der das soziale Gefüge des Landes sichert.

### Der DACH-Vergleich: Pragmatismus schlägt Dogmatismus

Ein Blick auf die Nachbarländer zeigt, dass ein anderer Umgang mit der Krise möglich ist. In der Schweiz sorgt ein pragmatischer Energiemix gepaart mit einer starken Währung dafür, dass die Inflation und die Energiekosten auf einem im europäischen Vergleich moderaten Niveau bleiben. Auch Österreich steuert mit gezielten, strukturellen Entlastungen und einer strategischen Bevorratung agiler gegen als die deutsche Bundesregierung.

Deutschland hingegen leistet sich den Luxus, trotz akutem Energiemangel an einer rigiden Abgabenstruktur festzuhalten. Die Debatte um einen subventionierten Industriestrompreis greift zu kurz, da sie nur Großverbraucher entlastet und den Mittelstand sowie die Verbraucher außen vor lässt. Was es braucht, ist keine punktuelle Subventionspolitik mit der Gießkanne, sondern eine fundamentale Reform der Energiebesteuerung.

### Fazit: Die Schicksalsfrage für den Standort

Die Energiepreise sind längst zur Schicksalsfrage für die deutsche Wirtschaft geworden. Die Bundesregierung muss anerkennen, dass die Energiewende nur dann ein Erfolg werden kann, wenn sie volkswirtschaftlich tragfähig bleibt.

Ein erster, überfälliger Schritt wäre die dauerhafte Absenkung der Steuern auf Strom und Kraftstoffe auf das europäische Mindestmaß sowie eine Aussetzung der jährlichen Erhöhungsschritte bei der CO2-Abgabe, bis sich die globalen Märkte strukturell beruhigt haben. Nur wenn es gelingt, die Energiekosten auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau zu senken, kann die DACH-Region ihre Position als führender Wirtschaftsstandort behaupten. Andernfalls droht der Verlust der industriellen Substanz – mit fatalen Folgen für die kommenden Jahrzehnte.

Eigenständig verfasst von der Marktblick-Redaktion. Recherchegrundlage: BILD. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.