Mittwoch, 28. Oktober 2026

Aussenwirtschaft

Derisking im Doppelpack: Was der Berliner Fernost-Spagat für die DACH-Wirtschaft bedeutet

Während Bundespräsident Steinmeier in Peking den schmalen Grat zwischen Kooperation und härterer Gangart abschreitet, wirbt Kanzler Merz im Indopazifik um alternative Allianzen. Für die exportorientierten DACH-Konzerne markiert diese koordinierte Doppelreise den endgültigen Abschied von der alten Doktrin des „Wandels durch Handel“.

DS

Von Dr. Stefan Hirsch

Als ehemaliger Investmentbanker analysiert Dr. Stefan Hirsch die globalen Finanzmärkte mit scharfem Blick fürs Detail. Seine fundierten Analysen helfen Lesern, komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge schnell zu verstehen. · · 4 Min.

Derisking im Doppelpack: Was der Berliner Fernost-Spagat für die DACH-Wirtschaft bedeutet
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Die deutsche Außenwirtschaft steht vor einem tiefgreifenden Epochenwechsel. Jahrelang galt für die exportorientierten Volkswirtschaften des DACH-Raums ein einfaches Credo: China ist die unerschöpfliche Werkbank und der hungrigste Abnehmer zugleich. Doch diese Zeiten sind vorbei. Wie grundlegend sich die Parameter verschoben haben, zeigt sich in diesen Tagen auf diplomatischer Bühne in einer bisher selten gesehenen Arbeitsteilung.

Während Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach acht Jahren Abstinenz zu einem hochgradig sensiblen Staatsbesuch nach China reist, fliegt Bundeskanzler Friedrich Merz fast zeitgleich mit einer hochkarätigen Wirtschaftsdelegation in den Indopazifik. Japan, Singapur und Südkorea stehen auf dem Programm des Kanzlers. Diese koordinierte Doppelreise ist weit mehr als nur ein diplomatisches Manöver – sie ist das greifbare Gesicht einer neuen, pragmatischen Außenwirtschaftsrealität: dem sogenannten „Derisking“.

### Das Ende einer Illusion: „Wandel durch Handel“ ist Geschichte

Für Frank-Walter Steinmeier ist die Reise eine Konfrontation mit der eigenen politischen Vergangenheit. Als ehemaliger Außenminister war er über Jahre hinweg einer der profiliertesten Verfechter des Prinzips „Wandel durch Handel“. Die Idee, autokratische Staaten durch wirtschaftliche Verflechtung politisch zu öffnen, gilt heute in Berlin, Bern und Wien weitgehend als gescheitert.

Heute geht es nicht mehr um Annäherung, sondern um Schadensbegrenzung. China agiert zunehmend als systemischer Rivale. Staatlich subventionierte Überkapazitäten – vor allem im Bereich der Elektromobilität, der Batterietechnologie und der chemischen Industrie – schwemmen billige Produkte auf den europäischen Markt und setzen etablierte Hersteller im DACH-Raum unter massiven Druck. Gleichzeitig ist die Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen und Vorprodukten aus China nach wie vor enorm. In Peking muss Steinmeier nun einen deutlich härteren europäischen Kurs vertreten, der sich jüngst in ersten konkreten Schritten wie der Reduzierung von Importen chinesischer Plug-in-Hybride manifestierte.

### Die Schlüsselindustrie im Fokus: Der Fall Volkswagen

Dass Steinmeiers Reise ihn auch in ein VW-Werk im chinesischen Hefei führt, ist kein Zufall. Die Automobilindustrie gilt als das Brennglas der aktuellen wirtschaftlichen Zwickmühle. Für deutsche Autobauer ist China nach wie vor der wichtigste Einzelmarkt. Doch die Bedingungen haben sich drastisch verschlechtert. Heimische chinesische Konkurrenten haben technologisch nicht nur aufgeholt, sondern die europäischen Traditionsmarken in vielen Bereichen der Digitalisierung und Batterietechnik bereits überholt.

Das Dilemma betrifft jedoch nicht nur die großen OEMs in Wolfsburg, Stuttgart oder München. Über engmaschige Lieferketten hängen tausende hochspezialisierte Zulieferer und KMU aus der Schweiz und Österreich an diesem Tropf. Wenn die deutsche Automobilindustrie in China an Boden verliert, wackelt das gesamte wirtschaftliche Ökosystem der DACH-Region. Der Besuch in Hefei soll daher auch demonstrieren: Man zieht sich nicht fluchtartig zurück, fordert aber faire Wettbewerbsbedingungen („Level Playing Field“) ein.

### Diversifikation als Überlebensstrategie

Während der Bundespräsident in China den Dialog sucht und versucht, das Gesicht der Gegenseite zu wahren, schafft der Bundeskanzler im Indopazifik proaktiv Alternativen. Die Reise von Friedrich Merz nach Japan, Südkorea und Singapur ist die logische Konsequenz der neuen Resilienz-Strategie.

Für DACH-Unternehmen ist diese Diversifikation der Lieferketten und Absatzmärkte längst keine rein theoretische Option mehr, sondern eine strategische Notwendigkeit. Rüstungskooperationen, Halbleiter-Technologien und der Zugang zu kritischen Rohstoffen abseits Chinas stehen im Fokus der Kanzler-Reise. Es geht darum, Netzwerke in Demokratien aufzubauen, die ähnliche Werte teilen, um im Falle einer geopolitischen Eskalation – etwa im Taiwan-Konflikt – nicht schutzlos dazustehen.

### Ein schmaler Grat zwischen Werten und Pragmatismus

Wie komplex das Verhältnis zu Peking ist, zeigt sich auch an der Zusammensetzung von Steinmeiers Delegation. Mit Mikko Huotari, dem Direktor des renommierten China-Instituts MERICS, reist ein Wissenschaftler mit, dessen Institution von Peking mit harten Sanktionen belegt wurde. Seine Teilnahme ist eine unmissverständliche Botschaft an die chinesische Führung: Europa lässt sich seine Meinungs- und Forschungsfreiheit nicht diktieren.

Dennoch dürften die ganz großen Kontroversen, insbesondere beim Thema Menschenrechte, hinter verschlossenen Türen verhandelt werden. Steinmeier gilt als diplomatischer Pragmatiker. In einer Phase, in der die europäische Wirtschaft ohnehin mit strukturellen Schwächen zu kämpfen hat, kann sich niemand einen offenen Handelskrieg mit der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt leisten.

### Fazit für Investoren und Unternehmen

Die Doppelreise von Steinmeier und Merz sendet ein klares Signal an die Märkte: Das Zeitalter der naiven Globalisierung ist vorbei. Für Investoren bedeutet dies, dass Unternehmen, die ihre Lieferketten und Absatzmärkte erfolgreich diversifizieren, langfristig eine höhere Resilienzprämie genießen dürften. Derisking ist teuer und erfordert erhebliche Investitionen in neue Standorte – doch die Alternative, ein unkontrollierter Beziehungsabbruch mit China, wäre für die DACH-Wirtschaft existenzbedrohend. Berlin hat den Kurs vorgegeben; die Unternehmen müssen ihn nun operativ umsetzen.

Eigenständig verfasst von der Marktblick-Redaktion. Recherchegrundlage: Deutsche Welle. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.