Sonntag, 13. September 2026

Standortpolitik

Der Produktivitäts-Irrweg: Warum Stihls 40-Stunden-Forderung am Schweizer Modell vorbeigeht

Die Forderung von Stihl-Aufsichtsrat Nikolas Stihl nach einer unbezahlten 40-Stunden-Woche sorgt für Aufsehen. Ein Blick auf die Nachbarn Schweiz und Österreich zeigt jedoch, dass längere Arbeitszeiten allein keine Strukturkrise lösen.

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Von Dr. Robert Franke

Dr. Robert Franke beobachtet und kommentiert die europäische Geldpolitik sowie die Entwicklungen an den internationalen Aktienmärkten. Zuvor war er als Chefökonom für eine führende deutsche Privatbank tätig. · · 3 Min.

Der Produktivitäts-Irrweg: Warum Stihls 40-Stunden-Forderung am Schweizer Modell vorbeigeht
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Die deutsche Wirtschaft steckt im Reformstau. Während die Politik über Bürokratieabbau und Brückenstrompreise streitet, blickt die Industrie auf einen harten Substanzverlust. Rund 15 Prozent der industriellen Produktion gingen in den vergangenen acht Jahren verloren, Monat für Monat schrumpft die Beschäftigung im Sektor um rund 15.000 Stellen. In diese Wunde legt nun Nikolas Stihl, Aufsichtsratsvorsitzender des gleichnamigen Motorsägen-Giganten, den Finger. Seine Forderung: Eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche – ausdrücklich ohne Lohnausgleich.

Was oberflächlich wie ein einfacher Hebel zur Senkung der Lohnstückkosten wirkt, offenbart bei genauerer Analyse im DACH-Vergleich jedoch fundamentale Denkfehler. Einfach nur die Stechuhr zurückzudrehen, wird die strukturellen Probleme des Standorts nicht lösen.

### Der helvetische Kontrast: Warum die Schweiz kein einfaches Vorbild ist

Befürworter längerer Arbeitszeiten verweisen gerne auf das Schweizer Modell. In der Eidgenossenschaft ist die wöchentliche Arbeitszeit mit durchschnittlich über 41 Stunden im europäischen Vergleich hoch, die Wirtschaft gilt dennoch als eine der wettbewerbsfähigsten weltweit. Doch dieser Vergleich hinkt.

Die hohe Produktivität der Schweizer Wirtschaft basiert nicht primär auf der schieren Anzahl der geleisteten Stunden, sondern auf einer extrem hohen Kapitalintensität. Schweizer Unternehmen haben über Jahrzehnte massiv in Automatisierung, moderne Infrastruktur und Digitalisierung investiert. Zudem operiert die Schweizer Industrie in hochmargigen Nischen wie der Pharma- und Präzisionstechnologie. In Deutschland hingegen wurde die dringend notwendige Modernisierung des Kapitalstocks verschleppt. Wer deutsche Arbeitnehmer nun länger arbeiten lassen will, ohne gleichzeitig die technologische Ausstattung der Fabriken zu verbessern, verwässert lediglich die Produktivität je Arbeitsstunde.

### Österreichs Spagat: Flexibilität statt starrer Fronten

Auch ein Blick nach Österreich zeigt, dass starre Arbeitszeitdebatten an der Realität vorbeigehen. Die Alpenrepublik kämpft mit ähnlichen industriellen Herausforderungen wie Deutschland, setzt jedoch traditionell auf die Sozialpartnerschaft. Während in Deutschland Arbeitgeber und Gewerkschaften in unversöhnlichen Lagern verharren – die einen fordern die 40-Stunden-Woche, die anderen die 32-Stunden-Woche –, zeigt die österreichische Praxis, dass Flexibilität der Schlüssel ist.

Über Betriebsvereinbarungen und flexible Arbeitszeitkonten gelingt es dort oft besser, Spitzen abzufedern und Leerläufe zu vermeiden. Das Modell der unbezahlten Mehrarbeit, wie Stihl es vorschlägt, käme in Österreich einer Kampfansage an den sozialen Frieden gleich – und genau dieser Friede ist ein nicht zu unterschätzender Standortfaktor im DACH-Raum.

### Das mathematische Paradoxon der Produktivität

Aus ökonomischer Sicht birgt Stihls Vorstoß ein grundlegendes Risiko. Eine Erhöhung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich ist de facto eine Reallohnsenkung. In Zeiten eines eklatanten Fachkräftemangels im gesamten DACH-Raum dürfte dies die ohnehin schwache Attraktivität der Industrieberufe weiter beschädigen. Hochqualifizierte Ingenieure und Facharbeiter könnten vermehrt ins Ausland – etwa in die Schweiz – abwandern oder den Sektor wechseln.

Zudem stützen Daten der Hans-Böckler-Stiftung die These, dass eine bloße Erhöhung der Präsenzzeit nicht linear zu mehr Output führt. Kürzere Arbeitszeiten korrelieren historisch oft mit einer höheren Konzentration und geringeren Fehlerquoten. Mehrarbeit führt in vielen Branchen ab einem bestimmten Punkt zu abnehmenden Grenzerträgen. Eine zusätzliche Stunde am Freitagabend in der Werkshalle bringt nicht zwangsläufig das innovative Produkt hervor, das den globalen Markt erobert.

### Fazit für Investoren: Auf die Innovationskraft setzen, nicht auf die Stechuhr

Für Anleger, die im DACH-Raum engagiert sind, liefert die Debatte wichtige Signale. Unternehmen, deren Geschäftsmodell primär darauf basiert, die Arbeitskosten über längere Arbeitszeiten zu drücken, dürften langfristig das Nachsehen haben. Sie kaschieren damit lediglich eigene Versäumnisse bei der Automatisierung.

Zukunftsfähig sind hingegen jene Akteure, die ihre Produktivität durch Investitionen in Software, Robotik und effiziente Prozesse steigern – unabhängig davon, ob die Kernarbeitszeit bei 35 oder 40 Stunden liegt. Nikolas Stihls Forderung ist ein lauter Weckruf für die Politik, greift als betriebswirtschaftliches Rezept aber zu kurz. Die Lösung der deutschen Krise liegt nicht in der unbezahlten Verlängerung der Arbeitszeit, sondern in der Erhöhung der Wertschöpfung pro gearbeiteter Stunde.

Eigenständig verfasst von der Marktblick-Redaktion. Recherchegrundlage: Offenbach-Post. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.