Sonntag, 27. September 2026

Strukturwandel

Abschied vom Schlotbaron: Warum der Strukturwandel kein Todesurteil für den Standort ist

Der Abgesang auf den Industriestandort Deutschland greift zu kurz, wenn man den aktuellen Strukturwandel als Chance zur Modernisierung begreift. Für Anleger und Unternehmen im DACH-Raum verschieben sich dadurch die Gewichte von traditionellen Sachwerten hin zu wissensintensiven Dienstleistungen und zukunftsfähigen Technologien.

DS

Von Dr. Stefan Hirsch

Als ehemaliger Investmentbanker analysiert Dr. Stefan Hirsch die globalen Finanzmärkte mit scharfem Blick fürs Detail. Seine fundierten Analysen helfen Lesern, komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge schnell zu verstehen. · · 3 Min.

Abschied vom Schlotbaron: Warum der Strukturwandel kein Todesurteil für den Standort ist
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Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer tiefgreifenden Identitätskrise. Werksschließungen bei Automobilgiganten, Abwanderungspläne der chemischen Industrie und ein anhaltend schwaches Wirtschaftswachstum nähren das Narrativ des unaufhaltsamen Niedergangs. Doch inmitten dieser Untergangsstimmung plädieren Ökonomen wie DIW-Präsident Marcel Fratzscher für eine radikale Kehrtwende in der Wahrnehmung: Die Deindustrialisierung sei kein Todesurteil, sondern eine historische Chance.

Für den DACH-Raum – und insbesondere für Deutschland, das sich über Jahrzehnte als „Werkbank Europas“ definierte – ist diese These eine Provokation. Sie zwingt uns jedoch, den Unterschied zwischen dem schmerzhaften Verlust alter Strukturen und dem notwendigen Übergang in eine moderne Wirtschaftsära nüchtern zu analysieren.

### Der lähmende Blick in den Rückspiegel

Die Fixierung auf den Erhalt traditioneller Industriezweige verstellt den Blick auf die Realität. Über Jahrzehnte hinweg basierte das deutsche Erfolgsmodell auf billiger Energie aus Russland, rasant wachsenden Exportmärkten in China und einer hochspezialisierten, aber im Kern klassischen Ingenieurskunst. Diese Säulen sind unwiederbringlich erodiert.

Der Versuch, diese Strukturen mit massiven staatlichen Subventionen – etwa durch künstlich gedeckelte Industriestrompreise – krampfhaft am Leben zu erhalten, ist ökonomisch kurzsichtig. Es ist die Fortführung einer Politik des Bewahrens, die letztlich nur den Strukturwandel verzögert und wertvolles Kapital bindet. Joseph Schumpeters Konzept der „schöpferischen Zerstörung“ zeigt, dass echter Fortschritt erst dann entsteht, wenn das Alte Platz für das Neue macht. Wenn unproduktive Fabriken schließen, werden auch Fachkräfte frei, die in zukunftsträchtigeren Sektoren wie der Softwareentwicklung, der Medizintechnik oder den erneuerbaren Energien dringend gebraucht werden.

### Das Schweizer Vorbild: Erfolg durch Spezialisierung

Ein Blick auf die Nachbarn im DACH-Raum lohnt sich. Die Schweiz hat in den vergangenen Jahrzehnten eine bemerkenswerte Transformation vollzogen. Während dort traditionelle Schwerindustrien kaum noch eine Rolle spielen, florieren forschungsintensive Branchen. Die Schweizer Wirtschaft setzt auf maximale Wertschöpfung pro Arbeitsstunde – sei es in der Biotechnologie, der Pharmaindustrie oder bei hochspezialisierten Finanzdienstleistungen.

Österreich wiederum zeigt, wie wichtig ein flexibler Mittelstand ist, der sich schnell an veränderte globale Lieferketten anpassen kann. Beide Länder belegen, dass Wohlstand nicht zwangsläufig an rauchenden Schloten hängt. Der Schlüssel liegt in der Innovationskraft und der Fähigkeit, sich am oberen Ende der globalen Wertschöpfungskette zu positionieren.

### Die Krux mit den Subventionen: Konservieren statt Erneuern

Die aktuelle Debatte in Berlin krankt an einer defensiven Grundhaltung. Statt die Rahmenbedingungen für Neugründungen, Wagniskapital und digitale Infrastruktur drastisch zu verbessern, fließen Milliarden in die Subventionierung einzelner Großprojekte oder altgedienter Konzerne. Dies schafft eine gefährliche Abhängigkeit vom Tropf des Staates und verzerrt den Wettbewerb.

Wenn wir deindustrialisieren, dann muss dies als aktiver Prozess der Spezialisierung gestaltet werden. Das bedeutet im Umkehrschluss: Investitionen in Bildung, den Abbau bürokratischer Hürden für Start-ups und den konsequenten Ausbau digitaler Netze. Nur so kann der Übergang von einer kapitalintensiven Sachgüterproduktion hin zu einer wissensbasierten Ökonomie gelingen.

### Kapitalallokation neu denken: Wo Anleger jetzt hinsehen müssen

Für Investoren im DACH-Raum bringt dieser Wandel fundamentale Veränderungen mit sich. Die Zeiten, in denen traditionelle Industrie-Blue-Chips als sichere Bank für solide Dividenden galten, sind vorbei. Viele dieser Konzerne laufen Gefahr, zu sogenannten „Value-Traps“ zu werden – optisch günstig bewertet, aber ohne echtes Wachstumspotenzial.

Das Kapital wandert ab. Kluge Anleger richten ihren Fokus zunehmend auf Unternehmen, die den Wandel nicht nur erleiden, sondern ihn ermöglichen. Dazu gehören:

* Enabler der Transformation: Unternehmen aus den Bereichen Automatisierung, industrielle Software und Energieeffizienz. * Spezialisierte Nischenplayer: Der klassische Mittelstand (Hidden Champions), der global unverzichtbare Komponenten liefert und flexibel genug ist, Produktionsstandorte strategisch zu verlagern. * Wissensintensive Dienstleister: Unternehmen, die auf Daten, künstliche Intelligenz und hochspezialisierte B2B-Beratung setzen.

### Fazit: Mut zum Bruch

Der Abschied von der alten Industrie ist schmerzhaft und wird zweifellos soziale Härten mit sich bringen, die politisch abgefedert werden müssen. Doch die Vorstellung, man könne die wirtschaftliche Dominanz des 20. Jahrhunderts in das 21. Jahrhundert hineinsubventionieren, ist eine gefährliche Illusion.

Die Deindustrialisierung bietet die historische Chance, die Wirtschaftsstruktur des DACH-Raums resilienter, digitaler und letztlich zukunftsfähiger aufzustellen. Dafür braucht es jedoch weniger staatlichen Protektionismus und deutlich mehr Vertrauen in die Dynamik des freien Marktes. Wer den Wandel mutig gestaltet, statt ihn panisch zu bekämpfen, wird als Gewinner aus dieser Epochenwende hervorgehen.

Eigenständig verfasst von der Marktblick-Redaktion. Recherchegrundlage: Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag. Angaben ohne Gewähr, keine Anlageberatung.